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Der lange Marsch der zarten Tuschen
Zum ersten und vielleicht zum letzten Mal:
Kunstschätze aus Taipeh im
Metropolitan Museum
NEW YORK, 25. März
Madame Tschiang Kai-schek war eine der ersten.
Sie erschien, neunundneunzig Jahre alt, in einer kleinen Gruppe von
Museumsdirektoren, Kuratoren und Sicherheitskräften im Metropolitan
Museum, um vor der offiziellen Eröfffnung dort jene Kunstschätze
zu besichtigen, die ihr Gatte vor beinahe fünfzig Jahren auf
seiner Flucht vor den
Kommunisten nach Taiwan gerettet hatte die Rotchinesen sagen: gestohlen.
Schon damals hatte die Sammlung, die mehr
als siebenhunderttausend Objekte umfasst, eine beachtliche Odyssee
hinter sich. Angehäuft von den chinesischen Herrschern in nahezu
viertausend Jahren, ungesehen von jedweder Öffentlichkeit für
tausend Jahre, verblieb die Sammlung bis zu seiner Vertreibung aus
der Verbotenen Stadt im Jahr 1924 in der Hand des letzten Kaisers.
1925 wurde in Peking das Palastmuseum gegründet und zum ersten
Mal Teile der Kunstschätze ausgestellt. Bereits zehn Jahre
später, als die Japaner in die Mandschurei einfielen, wurde
alles wieder eingepackt und in 20 000 Holzkisten nach Schanghai
geschickt, später nach Nanking und von dort über Flüsse
und Berge an immer weitere Orte, bis die Kollektion am Ende des
Zweiten Weltkrieges schliesslich wieder in Nanking ankam. Als sich
die Kommunisten der Stadt näherten, und Tschiang Kai-schek
fliehen nahm er die Schätze einfach mit. Seit 1965 sind sie
im Palastmuseum in Taipeh, fast ebenso lange fordert die Volksrepublik
China ihre Herausgabe.
Einige Tage nach Frau Tschiang Kai-schek
kamen die Massen. Dreieinhalbtausend Menschen drängten sich
am Eröffnungstag, einem verregneten Dienstag, in den lichtarmen
Gallerien, um perforierte Jadescheiben aus dem Neolithikum, Trinkgefässe
aus der Chou-Dynastie, Ju-Porzellane, Bambusschnitzereien, Schatzkästchen
aus dem späten Ch’ienlung- Reich und vor allem die Malereien
und Kalligraphien aus der Zeit der
T’ang-Dynastie zu bewundern, die selbst im Palastmuseum in
Taipeh in dieser Fülle
selten ausgestellt sind.
Denn die Sammlung der chinesischen Herrscher, die zum grossen Teil
in bombensicheren Felsenkellern sicher verpackt lagert und dort
fachmännisch gepflegt und bewacht wird, reist nicht, nicht
einmal in Taiwan. ormalerweise jedenfalls nicht und nicht ohne Proteste,
die sich bis zur Hysterie steigern können. Schliesslich beherbergt
das Palastmuseum in den Augen zahlreicher Taiwaner ein nationales
Erbe. Und das verleiht man nicht. Dass die Meisterwerke überhaupt
nach Amerika reisen durften, ist daher eine diplomatische Meisterleistung.
Vollbracht hat sie vor allem der Professor
für Archäologie und Kunst in Princeton und Präsident
der Abteilung für Asiatische Kunst am Metropolitan Museum,
Wen C. Fong. Nach jahrelanger Vorarbeit, in deren Verlauf Fong die
Regierung Taiwans davon überzeugte, dass das Land in seinem
unklaren politischen Status die Kunst in ähnlicher Weise wie
die Wirtschaft als Kommunikator einsetzen müsse, wurden 1994
die Verträge zwischen Metropolitan Museum und Palastmuseum
unterschrieben. Selbst die Hälfte der Ausstellungskosten, immerhin
3,1 Millionen Dollar, wollte die Regierung in Taipeh übernehmen.
Doch statt eines gigantischen Werbeeffekts für Taiwan bescherte
die Ausstellung allen Beteiligten eine Menge Ärger.
Als in Taiwan bekannt wurde, dass vierhundertfünfundsiebzig
der wichtigsten Werke
der chinesischen Kunst nach Amerika gesandt werden sollten, wurden
erste Proteste
laut; sofort zogen einige Sponsoren ihre Gelder zurück. Als
sich herausstellte, dass unter
den Leihgaben auch siebenundzwanzig Werke sein sollten, die als
besonders gefährdet
gelten und daher in Taipeh selbst nur alle vierzig Tage ausgestellt
werden, schwoll die Kritik
zu einem mächtigen Chor. Weitere Sponsoren sagten ab, zum Teil,
so heisst es, aufgrund
der taiwanischen Proteste wie Acer America, zum Teil, wie die Citybank,
auf Druck von
Peking, wo natürlich auch protestiert wurde.
Lange sah es so aus, als käme die Schau
überhaupt nicht mehr zustande, weil nun auch
die Politiker, vor allem der oppositionellen „New Party“,
gegen die Ausstellung zu
polemisieren begannen. In Taipeh kursierte das Gerücht, Präsident
Clinton plane eine
Rückgabe der Kunstwerke an die Volksrepublik oder das Metropolitan
habe vor, die Originale
zu stehlen und Reproduktionen zurückzuschicken. Schliesslich
wurde ein Untersuchungs-ausschuss einberufen, der über die
Reise oder den Verbleib jedes einzelnen Objekts entscheiden sollte.
Sechsunddreissig, nach anderer Zählung
dreiundzwanzig der ursprünglich zugesagten
Werke mussten in Taipeh bleiben; vor allem die Landschaften aus
der Sung-Periode (960
bis 1279), die für die chinesische Kunst etwa die gleiche Bedeutung
hat wie die Renaissance
für die Kunst des Abendlandes, werden Spezialisten vermissen.
So fehlt auch Kuo Hsis Bild „Vorfrühling“, das
Titelbild auf dem prächtigen Begleitband zur Ausstellung.
Einen Kompromiss bedeutet ebenfalls, dass
keines der besonders gefährdeten
Werke länger als vierzig Tage – maximal so lange sind
sie im Palastmuseum selbst zu
sehen – gezeigt werden darf. Manche der vielen hundert oder
gar tausend Jahre alten
Kunstwerke, vor allem die Kalligraphien und Tuschebilder auf Seide
und Papier, sind
tatsächlich so lichtempfindlich, dass sie im Wechsel mit anderen
rotieren müssen.
Warum Peking protestierte, liegt auf der
Hand. Worum es aber bei den Protesten in
Taiwan letztlich ging, können selbst Fachleute nur schwer erklären.
In den vergangenen
Jahren der Aufbruchstimmung, die nun zu den ersten demokratischen
Wahlen führte, muss
ich gleichzeitig eine tiefe Krise des taiwanischen Selbstbildes
offenbart haben. Wessen
Vergangenheit die Schätze des Palastmuseums repräsentieren,
wie chinesisch die
Taiwanesen sind, ob in den felsigen Kellern tatsächlich ihre
Geschichte lagert und was sie
mit der Zukunft, welcher Zukunft vor allem, zu tun hat, dies sind
einige Fragen, die sich in
den Protesten Luft machten.
Das New Yorker Publikum kann dies nur zur
Kenntnis nehmen. Sehen kann es
hingegen eine Sammlung überwältigender, zum Teil für
ein westliches Publikum kaum zu
erschliessender Schönheit. Dass die Kalligrafien, deren Entwicklung
von streng formalen
Formen zu höchst dramatischer Expressivität die Ausstellung
grandios nachvollzieht, am
schwersten verständlich sind, bestätigt sich abermals.
Wer die Kunstgeschichte Chinas nicht kennt,
und das dürfte die Mehrzahl der Besucher
sein, hat immer noch die Gelegenheit, unter den etwa 450 Stücken
einige Meisterwerke
zu erkennen, wie die über sechs Meter lange Bildrolle „Leben
in den Fuch- Ch’un Bergen“
des Malers Huan Kung-Wang, entstanden in der Mitte des 14. Jahrhunderts
zur Zeit Yuan Dynastie, eine Landschaft mit sparsam getuschten Seen,
Bergen, Bäume in taoistischer
Stille. Maxwell Hearn schreibt im Katalog, dass in diesem Bild „die
Natur zur Metapher für
das Ich des Künstlers“ wurde und die Landschaft „ein
Spiegelbild seiner inneren Welt“.
Ebenfalls sichtbar wird schon beim ersten
Rundgang, wie Motive und Formen über
Jahrtausende immer wieder belebt wurden, sich zunächst in den
rituellen, später den
dekorativen Objekte, seien sie aus Bronze, Jade, Porzellan oder
Bambus, wiederhohlen,
bis sie schliesslich als Miniaturen oder in kleinster Kopie in kunstvoll
gearbeiteten Schatzkästchen aus dem 18. Jahrhundert wiederkehren.
Nur zweimal bisher waren die chinesischen Kunstschätze im Westen
zu sehen. Die Royal Academy of Arts gab in London erstmals 1935/36
einen Einblick in die Sammlung. Fast 30 Jahre später, noch
vor Eröffnung
des Palastmuseums in Taipeh, wanderte in den Jahren 1961/62 eine
weitere Auswahl durch
die Vereinigten Staaten. Die aktuelle Ausstellung die nun für
ein Jahr über den amerikan-
ischen Kontinent reist, wird voraussichtlich die letzte sein.
VERENA LÜCKEN Metropolitan Museum of
Arts, New York, bis 19. Mai. Katalog gebunden 35 $, Paperback 25$
“Possessing the Past, die umfangreiche Begleitpublikation
von Wen C. Fong und James C. Watt, kostet 85$. Eine CD-ROM mit Abbildung
fast aller Ausstellungsobjekte mit Kommentaren und Landschaften
kostet 19.95$. Von Ende Juni ist die Ausstellung in Chicago, im
Herbst in San Francisco, Anfang 1997 in Washington zu sehen. Das
Vorhaben, Kunstschätze aus dem Palastmuseum in Taipeh nach
Amerika auszuleihen, war in Taiwan ein Politikum. Im Wahlkampf wurde
der Regierung vorgeworfen, sie biedere sich bei den Amerikanern
an und bringe das kostbare nationale Kulturerbe in Gefahr.
In der Tat sind manche der Kunstwerke, die
Tschiang Kai-shek einst bei der Flucht nach
Taiwan in 20'000 Holzkisten mitgenommen hatte, extrem gefährdet,
so dass sie in Taipeh
nur alle paar Jahre für kurze Zeit zu sehen sind. Als diplomatischer
Kompromiss kam
schliesslich doch eine Auswahl von Kunstwerken zu Stande, die jetzt
in New York zu
bestaunen sind. F.A. Z.
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