Diary

Der lange Marsch der zarten Tuschen

The long march of Chinese inks

Als ich Januar 1996 meine Eltern in meiner Heimat Taiwan besuchte, ereignete sich folgendes großes Ereignis.

Der Präsident von Taiwan beschloß als Diplomatischer Schachzug wärend der Präsidentenwahl die wertvolle Palastkunstsammlung vom Palastmuseum Taipei an die USA zu verleihen. Darunter waren 27 Objekte, die wegen ihrem äußerst alten und zerbrechlichen Gesamtzustand nicht zur Ausstellung geeignet waren und man es sogar verboten hatte diese im Inland auszustellen.

Die Bevölkerung hat heftig gegen diese Verleihung protestiert. Ich wurde als Sachverständige und Restauratorin in diesen Protest von der Bevölkerung und diversen Künstlerverbänden eingebunden.

Letztendlich protestierten fast 1 Mio Menschen und die Regierung hat daraufhin von den 27 zur Ausstellung verbotenen Objekten 23 im Land einbehalten, da diese die Reise wohl wirklich nicht überstanden hätten. Insgesamt sind dennoch 452 Objekte nach Amerika ausgeliehen worden.

Genau in diesem Zeitpunkt drohte auch China den Taiwanesen mit Raketenbeschuß. Als Trotzreaktion wählte die Bevölkerung den, durch die Verleihung der Palastkunstsammlung an die USA äußerst ungeliebten, Präsidenten Lee erneut.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Feuilleton 26 März 1996
Verena Lücken

Der lange Marsch der zarten Tuschen

Zum ersten und vielleicht zum letzten Mal: Kunstschätze aus Taipeh im Metropolitan Museum

NEW YORK, 25. März

Madame Tschiang Kai-schek war eine der ersten. Sie erschien, neunundneunzig Jahre alt, in einer kleinen Gruppe von Museumsdirektoren, Kuratoren und Sicherheitskräften im Metropolitan Museum, um vor der offiziellen Eröfffnung dort jene Kunstschätze zu besichtigen, die ihr Gatte vor beinahe fünfzig Jahren auf seiner Flucht vor den Kommunisten nach Taiwan gerettet hatte die Rotchinesen sagen: gestohlen.

Schon damals hatte die Sammlung, die mehr als siebenhunderttausend Objekte umfasst, eine beachtliche Odyssee hinter sich. Angehäuft von den chinesischen Herrschern in nahezu viertausend Jahren, ungesehen von jedweder Öffentlichkeit für tausend Jahre, verblieb die Sammlung bis zu seiner Vertreibung aus der Verbotenen Stadt im Jahr 1924 in der Hand des letzten Kaisers. 1925 wurde in Peking das Palastmuseum gegründet und zum ersten Mal Teile der Kunstschätze ausgestellt. Bereits zehn Jahre später, als die Japaner in die Mandschurei einfielen, wurde alles wieder eingepackt und in 20 000 Holzkisten nach Schanghai geschickt, später nach Nanking und von dort über Flüsse und Berge an immer weitere Orte, bis die Kollektion am Ende des Zweiten Weltkrieges schliesslich wieder in Nanking ankam. Als sich die Kommunisten der Stadt näherten, und Tschiang Kai-schek fliehen nahm er die Schätze einfach mit. Seit 1965 sind sie im Palastmuseum in Taipeh, fast ebenso lange fordert die Volksrepublik China ihre Herausgabe.

Einige Tage nach Frau Tschiang Kai-schek kamen die Massen. Dreieinhalbtausend Menschen drängten sich am Eröffnungstag, einem verregneten Dienstag, in den lichtarmen Gallerien, um perforierte Jadescheiben aus dem Neolithikum, Trinkgefässe aus der Chou-Dynastie, Ju-Porzellane, Bambusschnitzereien, Schatzkästchen aus dem späten Ch’ienlung- Reich und vor allem die Malereien und Kalligraphien aus der Zeit der T’ang-Dynastie zu bewundern, die selbst im Palastmuseum in Taipeh in dieser Fülle selten ausgestellt sind. Denn die Sammlung der chinesischen Herrscher, die zum grossen Teil in bombensicheren Felsenkellern sicher verpackt lagert und dort fachmännisch gepflegt und bewacht wird, reist nicht, nicht einmal in Taiwan. ormalerweise jedenfalls nicht und nicht ohne Proteste, die sich bis zur Hysterie steigern können. Schliesslich beherbergt das Palastmuseum in den Augen zahlreicher Taiwaner ein nationales Erbe. Und das verleiht man nicht. Dass die Meisterwerke überhaupt nach Amerika reisen durften, ist daher eine diplomatische Meisterleistung.

Vollbracht hat sie vor allem der Professor für Archäologie und Kunst in Princeton und Präsident der Abteilung für Asiatische Kunst am Metropolitan Museum, Wen C. Fong. Nach jahrelanger Vorarbeit, in deren Verlauf Fong die Regierung Taiwans davon überzeugte, dass das Land in seinem unklaren politischen Status die Kunst in ähnlicher Weise wie die Wirtschaft als Kommunikator einsetzen müsse, wurden 1994 die Verträge zwischen Metropolitan Museum und Palastmuseum unterschrieben. Selbst die Hälfte der Ausstellungskosten, immerhin 3,1 Millionen Dollar, wollte die Regierung in Taipeh übernehmen. Doch statt eines gigantischen Werbeeffekts für Taiwan bescherte die Ausstellung allen Beteiligten eine Menge Ärger.

Als in Taiwan bekannt wurde, dass vierhundertfünfundsiebzig der wichtigsten Werke der chinesischen Kunst nach Amerika gesandt werden sollten, wurden erste Proteste laut; sofort zogen einige Sponsoren ihre Gelder zurück. Als sich herausstellte, dass unter den Leihgaben auch siebenundzwanzig Werke sein sollten, die als besonders gefährdet gelten und daher in Taipeh selbst nur alle vierzig Tage ausgestellt werden, schwoll die Kritik zu einem mächtigen Chor. Weitere Sponsoren sagten ab, zum Teil, so heisst es, aufgrund der taiwanischen Proteste wie Acer America, zum Teil, wie die Citybank, auf Druck von Peking, wo natürlich auch protestiert wurde.

Lange sah es so aus, als käme die Schau überhaupt nicht mehr zustande, weil nun auch die Politiker, vor allem der oppositionellen „New Party“, gegen die Ausstellung zu polemisieren begannen. In Taipeh kursierte das Gerücht, Präsident Clinton plane eine Rückgabe der Kunstwerke an die Volksrepublik oder das Metropolitan habe vor, die Originale zu stehlen und Reproduktionen zurückzuschicken. Schliesslich wurde ein Untersuchungs-ausschuss einberufen, der über die Reise oder den Verbleib jedes einzelnen Objekts entscheiden sollte.

Sechsunddreissig, nach anderer Zählung dreiundzwanzig der ursprünglich zugesagten Werke mussten in Taipeh bleiben; vor allem die Landschaften aus der Sung-Periode (960 bis 1279), die für die chinesische Kunst etwa die gleiche Bedeutung hat wie die Renaissance für die Kunst des Abendlandes, werden Spezialisten vermissen. So fehlt auch Kuo Hsis Bild „Vorfrühling“, das Titelbild auf dem prächtigen Begleitband zur Ausstellung.

Einen Kompromiss bedeutet ebenfalls, dass keines der besonders gefährdeten Werke länger als vierzig Tage – maximal so lange sind sie im Palastmuseum selbst zu sehen – gezeigt werden darf. Manche der vielen hundert oder gar tausend Jahre alten Kunstwerke, vor allem die Kalligraphien und Tuschebilder auf Seide und Papier, sind tatsächlich so lichtempfindlich, dass sie im Wechsel mit anderen rotieren müssen.

Warum Peking protestierte, liegt auf der Hand. Worum es aber bei den Protesten in Taiwan letztlich ging, können selbst Fachleute nur schwer erklären. In den vergangenen Jahren der Aufbruchstimmung, die nun zu den ersten demokratischen Wahlen führte, muss ich gleichzeitig eine tiefe Krise des taiwanischen Selbstbildes offenbart haben. Wessen Vergangenheit die Schätze des Palastmuseums repräsentieren, wie chinesisch die Taiwanesen sind, ob in den felsigen Kellern tatsächlich ihre Geschichte lagert und was sie mit der Zukunft, welcher Zukunft vor allem, zu tun hat, dies sind einige Fragen, die sich in den Protesten Luft machten.

Das New Yorker Publikum kann dies nur zur Kenntnis nehmen. Sehen kann es hingegen eine Sammlung überwältigender, zum Teil für ein westliches Publikum kaum zu erschliessender Schönheit. Dass die Kalligrafien, deren Entwicklung von streng formalen Formen zu höchst dramatischer Expressivität die Ausstellung grandios nachvollzieht, am schwersten verständlich sind, bestätigt sich abermals.

Wer die Kunstgeschichte Chinas nicht kennt, und das dürfte die Mehrzahl der Besucher sein, hat immer noch die Gelegenheit, unter den etwa 450 Stücken einige Meisterwerke zu erkennen, wie die über sechs Meter lange Bildrolle „Leben in den Fuch- Ch’un Bergen“ des Malers Huan Kung-Wang, entstanden in der Mitte des 14. Jahrhunderts zur Zeit Yuan Dynastie, eine Landschaft mit sparsam getuschten Seen, Bergen, Bäume in taoistischer Stille. Maxwell Hearn schreibt im Katalog, dass in diesem Bild „die Natur zur Metapher für das Ich des Künstlers“ wurde und die Landschaft „ein Spiegelbild seiner inneren Welt“.

Ebenfalls sichtbar wird schon beim ersten Rundgang, wie Motive und Formen über Jahrtausende immer wieder belebt wurden, sich zunächst in den rituellen, später den dekorativen Objekte, seien sie aus Bronze, Jade, Porzellan oder Bambus, wiederhohlen, bis sie schliesslich als Miniaturen oder in kleinster Kopie in kunstvoll gearbeiteten Schatzkästchen aus dem 18. Jahrhundert wiederkehren. Nur zweimal bisher waren die chinesischen Kunstschätze im Westen zu sehen. Die Royal Academy of Arts gab in London erstmals 1935/36 einen Einblick in die Sammlung. Fast 30 Jahre später, noch vor Eröffnung des Palastmuseums in Taipeh, wanderte in den Jahren 1961/62 eine weitere Auswahl durch die Vereinigten Staaten. Die aktuelle Ausstellung die nun für ein Jahr über den amerikan- ischen Kontinent reist, wird voraussichtlich die letzte sein.

VERENA LÜCKEN Metropolitan Museum of Arts, New York, bis 19. Mai. Katalog gebunden 35 $, Paperback 25$ “Possessing the Past, die umfangreiche Begleitpublikation von Wen C. Fong und James C. Watt, kostet 85$. Eine CD-ROM mit Abbildung fast aller Ausstellungsobjekte mit Kommentaren und Landschaften kostet 19.95$. Von Ende Juni ist die Ausstellung in Chicago, im Herbst in San Francisco, Anfang 1997 in Washington zu sehen. Das Vorhaben, Kunstschätze aus dem Palastmuseum in Taipeh nach Amerika auszuleihen, war in Taiwan ein Politikum. Im Wahlkampf wurde der Regierung vorgeworfen, sie biedere sich bei den Amerikanern an und bringe das kostbare nationale Kulturerbe in Gefahr.

In der Tat sind manche der Kunstwerke, die Tschiang Kai-shek einst bei der Flucht nach Taiwan in 20'000 Holzkisten mitgenommen hatte, extrem gefährdet, so dass sie in Taipeh nur alle paar Jahre für kurze Zeit zu sehen sind. Als diplomatischer Kompromiss kam schliesslich doch eine Auswahl von Kunstwerken zu Stande, die jetzt in New York zu bestaunen sind. F.A. Z.

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