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Laudatio zum 70. Geburtstag:
22.01.1990
Diedrichs
Felix M. Wiesner begeht am 22. Januar 1990
seinen 70. Geburtstag. Sein Verlag Die Waage, den er 1951 gründete,
tritt ins 40. Lebensjahr.
Auf den Geburtstag des Verlegers hin erscheint Band 2 der Gesamtausgabe
der 500 Geister- und Liebesgeschichten von Pu Sung-ling in 5 Bänden.
Damit zeichnet sich der zweite weltliterarische Höhepunkt im
Rahmen der bald 20 Bände umfassenden Bibliothek chinesischer
Romane ab – nach der ersten Gesamtausgabe des Romans Djin
Ping Meh in 6 Bänden von 1987. Drei Gründe zum stolzen
Rückblick!
Wiesner wurde 1920 in Wien geboren. Seine Mutter kam aus einer
K. + K. Offiziersfamilie niederen Adels. Ihr Vater war General der
Infanterie und im 1. Weltkrieg Vorsteher des Kriegsfürsorgeamts
in Wien. Sein Vater entstammte einer begüterten Großbürgerfamilie
aus Südösterreich. Sein Urgroßvater war Ferdo Livadic
(Livada = kroatisch Wiese), ein bedeutender Musiker, der neben Opern
und Konzerten auch die kroatische Nationalhymne komponierte und
bis heute hoch geehrt ist. Wiesners Großvater beschloß,
aus reiner Liebe zum Ferienland Schweiz, sich in Zürich einzukaufen.
Im Bürgerbuch der Stadt Zürich von 1895 findet er sich
erstmals aufgeführt mit Gattin, 3 Söhnen und einer Tochter.
Der älteste Sohn Edgar, Wiesners Vater, nahm diese Staatsbürgerschaft
ernster als die jüngeren Geschwister. Er kam 1906 zur Rekruten-
und 1907 zur UO-Schule nach Zürich und rückte 1914 auch
zur Grenzbesetzung ein. 1926 wagte er es, den Miseren der Inflation
und Krise in Rest-Österreich zu entfliehen und in Zürich
eine neue Existenz aufzubauen. 1930 ließ er seine Familie,
Frau und 2 Kinder, nachkommen. Felix war 10 Jahre alt, als er seiner
bis dahin unbekannten Heimat begegnete.
Er besuchte 2 weitere Jahre hier die Volksschule, das Literargymnasium
und die Universität, wo er 10 Jahre lang (davon 5 Kriegsjahre)
zuerst Chemie, dann Germanistik, vergleichende Literaturwissenschaft,
russische Sprache, indische Philosophie bei Emil Abegg und Religionsgeschichte
studierte. 1947 trat er als Lektor beim Manesse Verlag ein. Ab 1950
begann er für die Verlage Arche, Diogenes, Walter, Bucher,
Scherz, Ringier u. a. und für seine Waage den schweizer Buchhandel
als Vertreter zu bereisen. Mit den dabei verdienten Provisionen
finanziert er bis heute seinen Verlag.
Der Verlag "Die Waage" wurde von Felix M. Wiesner zusammen
mit dem erfahrenen Geschäftsmann C.A. Drenowatz 1951 als Einzelfirma
gegründet. Dessen spätere Sammlerfreude an chinesischen
Rollbildern wurde von Wiesner entscheidend angeregt und ist im Rietberg-Museum
verewigt.
Die Waage wünschte sich der Verleger geprägt vom eignen
hohen Anspruch literarischer und weltanschaulicher Art und vom redaktionellen
und bibliophilen Perfektionismus. Das konnte keine umfangreiche
Produktion ergeben... Der Name der Waage war Programm: im Sinne
der chinesischen Yin-Yan-Polarität sollten sich Werke des Westens
und Ostens, der intellektuell-rationalen und der spirituell-frommen
Weltdeutung ergänzen und die labile Harmonie eines geläuterten
Taoismus aufscheinen lassen. Damit war in unserer lebensgefährlich
patriarchalen Eindimensionalität nicht Subversion, vielmehr
Superversion: Emanzipation von Frau und Mann, Befreiung, Kreativität
und immer wieder Lesefreude angestrebt.
Dieser kühne Anspruch stieß jahrzehntelang auf zwei
Widerstände: im Westen auf kleinbürgerliche Moral und
wütende Intoleranz, im Osten auf die konfuzianische Mißachtung
aller Lese- und Lebensfreude als populäre Ungehörigkeit.
Beides hatte böse Folgen.
Die ersten 4 Waage-Titel von 1952 waren programmgemäß:
2 intellektuell-rationale: Goethes genialisch-frecher „Reinecke
Fuchs“ und Voltaires begeisternder Roman „Die Prinzessin
von Babylon“. 2 Titel waren spirituell-fromm: Ernst Benz´
„Russische Heiligenlegenden“ und die taoistische Legende
„Blumenzauber „. Es folgten so allmählich 23 Bücher
der Waage mit zwei besonders erfolgreichen Höhepunkten und
vielen Luxusausgaben von privater Hand.
Ende der Fünfzigerjahre begann die zweite Buchreihe der Bibliothek
chinesischer Romane, freilich gleich 1959 mit dem zweiten Titel
spektakulär: mit dem aufgezwungenen Prozeß und der Verbrennung
der ganzen Auflage des Jou Pu Tuan 1961. Ein zweiter Prozeß
1971-74 um den Roman Dschu-lin Yä-schi wurde zwar – nochmals
vor Bundesgericht – gewonnen und machte, wie der erste, Rechtsgeschichte
in der Schweiz – was alle Juristen hierzulande wissen. Der
Verleger freilich sah nach 6 Jahren Zensurprozessen mit schweren
Zeiten- und Geldverlusten das Wort Jan Palockas bestätigt:
Die wirkliche Prüfung des Menschen ist nicht, wie er die Rolle
ausfüllt, die er sich selber zugedacht hat, sondern wie er
jene ausfüllt, die im das Schicksal zuweist.
Der juristische Vorwurf der Unzüchtigkeit gegen einen buddhistischen
und einen taoistischen Roman aus Altchina machte klar, wie unerbittlich
ernst man „hoch oben“ bei uns die Gefahr der Emanzipation
vom Patriarchat und seinen „Werten“ der Ungeschlechtlichkeit
und Lustfeindschaft nahm. Die Verbrennungs- und Vernichtungswut
der Zensurbehörde erzwang vom Verlag die Teilemigration nach
Hamburg und eine Katakombenexistenz für Jahre in der Schweiz.
Die weltliterarischen Glanzstücke der ersten 10 Bände
der Bibliothek chinesischer Romane fanden aber wegen ihrer volkssprachlichen
und meist anonymen Herkunft auch bei den meist konfuzianischen überzeugten
Orientalisten kaum Wertschätzung und daher auch kaum Beachtung
in der Presse. So blieben die schön gepflegten Erstausgaben
der Waage jahrelang schwer verkäuflich und kamen erst als billige
Lizenz- und Taschenbuchausgaben zu hohen Auflagen und verdient weiter
Verbreitung – ohne Publizität weiterhin!
Die folgenden Bände von Pu Sung-Ling sind die quicklebendig-genial
erzählten Totenbücher der Chinesen. Sie zeigen uns verführerisch
eine Möglichkeit der Deutung auch unseres menschlichen Lebens
im offenen Raum zum Tod und Wiederkommen, die wiederum höchst
unkonventionell sein muß. Cave inquisitionem!
Die Ausstellung in der Zentralbibliothek soll all dieses Verlegerschicksal
so gut als möglich dokumentieren. Habent sua fata libelli.
Futura latent.
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