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Hai Yen Hua-Ströfer
Zur Eröffnung der Ausstellung
Alte chinesische Knotenkunst
mit Arbeiten von Lydia Chen
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich freue mich sehr, daß Sie gekommen sind.
Ich möchte mich bei Herrn Direktor Doktor Herbst und Graf
von der Schulenburg herzlich bedanken, daß Sie mir die Gelegenheit
gegeben haben, diese Ausstellung durchzuführen.
Seit zehn Jahren restauriere ich Bilder für das Museum für
Kunsthandwerk. Es ist eine sehr glückliche Zusammenarbeit.
Sie begann unter der damaligen Direktorin, Frau Doktor Ohm, und
setzt sich bis in die heutige Zeit fort. Auch hierfür möchte
ich Ihnen danken.
Vor zwei Jahren traf ich auf einer Tagung eine Kollegin. Sie bearbeitete
als Textilrestauratorin einen Grabfund vom Mainzer Dom aus dem 13.
Jahrhundert. Sie stand vor dem Problem, einen historischen Knoten
rekonstruieren zu müssen. In ganz Deutschland telefonierte
sie herum. Aber niemand konnte ihr helfen.
Der einzige Hinweis, den sie bekam, war, daß es ein Lotusknoten
sein könnte.... und das in Mainz!
Für mich war das der Anlaß, die Knotenexpertin Frau
Chen aus Taiwan nach Deutschland einzuladen. Tatsächlich ist
Frau Chen gekommen und hat im Mai einen Kurs im Knotenknüpfen
gegeben.
Dies ist jetzt die zugehörige Ausstellung.
Frau Chen arbeitet seit über 20 Jahren auf dem Gebiet der
Knotenkunst. Von Haus aus war sie Gymnasiallehrerin für die
Fächer Chemie und Physik. Eines Tages wurde sie auf einen alten
Handwerksmeister am Palast - Museum in Taipei aufmerksam. Er beherrschte
noch vier alte chinesische Knoten, dieser fast vergessenen Kunst.
Frau Chen bekam Interesse, Knoten zu lernen.
Von diesem Tage an hat sich ihr Leben verändert. Sie übte
und erforschte die Knotenkunst. Heute arbeitet Sie in der Gewand-
und Schmuck - Abteilung des Palastmuseums. Dabei hat sie viele Gelegenheiten
mit alten Knoten in Kontakt zu kommen. Sie hat die ausgestorbene
Knotenkunst wieder ins Leben gerufen und alte Knoten rekonstruiert.
Frau Chen hat auch experimentiert und viele neue Knoten erfunden.
Sie hat viele Bücher geschrieben und Ausstellungen veranstaltet.
Knotenknüpfen ist jetzt wieder ein beliebtes Kunsthandwerk
in Asien. An vielen Schulen ist es ein Pflichtkurs in der Werklehre.
Knoten sind in allen Kulturen vorhanden.
Aber in China bestand eine besondere religiöse Beziehung.
Schnur heißt chinesisch "chen" und das bedeutet
phonetisch auch "Gott". Eine Schnur ist von der Form her
wie ein Drache.
Auch die Philosophie des I-Ging, des Buches der Wandlungen ist
durch das Knotenknüpfen beeinflußt.
Eine Schnur hat zunächst eine Dimension zwischen zwei Punkten,
dem Anfang und dem Ende. Aber jeder Punkt auf dieser Schnur kann
Ausgangspunkt von unendlich vielen Variationen sein. Es bestehen
unendlich viele kreative Möglichkeiten die eindimensionale
Schnur zu zwei- und dreidimensionalen Knoten zu veknüpfen.
Aber diese grenzenlose Variation und Freiheit der Kreation sind
von einer Regel beherrscht. Diese versteckte Regel muß man
beim Knotenknüpfen kennen. Sonst entsteht nur Chaos.
Das ist auch die Grund - Lebensphilosophie des I-Ching.
Bevor die Schrift erfunden wurde, dienten Knoten als Notizen. Knoten
hatten damit neben dem praktischen Zweck auch einen abstrakten Gehalt.
Bevor das Papier erfunden wurde, wurde auf Bambusstreifen geschrieben.
Diese waren mit Hanf oder Lederband verknüpft.
Auch Jadesteine wurden mit Schnur zusammengebunden.
Schließlich fanden Knoten Eingang in das Kunsthandwerk. Fächer
und Vorhänge waren mit Knoten dekorativ verziert.
Verschiedene Knoten wurden zu Symbolen für Glück, Liebe
und Festlichkeit.
Jetzt darf ich Ihnen anhand einiger Dias die historische Entwicklung
der Knoten aufzeigen:
Vor 100.000 Jahren schufen die Menschen Steine mit Löchern
und kleine Steinnadeln. Durch diese Löcher und Ösen konnten
bereits Schnüre gezogen werden.
Vor 10.000 Jahren wurden Schnüre benutzt, um Kleider zu machen,
Fischernetze zu knüpfen und Hölzer zu verbinden.
Zur Zeit der Chou Dynyastie um 1200 bis 300 vor Christus trugen
die Männer ein kleines Werkzeug mit sich, welches beim Lösen
eines Knotens behilflich war; genauso wie man heute Schlüssel
bei sich trägt. Dies zeigt, daß Knoten zu den Gebrauchsgegenständen
gehörten.
Jetzt möchte ich Ihnen gerne 16 Dias mit Knoten aus der Vergangenheit
Chinas zeigen:
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich bedanke mich für ihre Geduld.
Graf von der Schulenburg hat mir gesagt, ich müsse jetzt zwei
Stunden lang mit Ihnen Knoten üben.
Ich habe hier einige Schnüre mitgebracht und wir können
anfangen zu arbeiten.
Ich hoffe, daß sich die Knoten auch in Deutschland verbreiten.
Knoten - Machen ist sehr entspannend, hat meditativen Charakter
und schult die Konzentration.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
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