| Jedes Kunstwerk hat seine eigene Geschichte.
Nicht nur dunkle Flecken, Risse und Fehlstellen verraten viel über
seine oft wechselvolle Vergangenheit. Auch wie das Stück beim
Besitzer oder dessen Nachfahren gelandet und schließlich zu
Hai-Yen Hua gelangt ist, das bietet oftmals Stoff für viele weitere
Geschichten. Die gebürtige Chinesin aus Taiwan restauriert alles,
was auf Papier oder Textilien und Pergament gemalt oder gezeichnet
ist: Aquarelle, Plakate, Zeichnungen, Globen, Landkarten, Tapeten,
asiatische Rollbilder, Wandstickereien und Paravents. Große
europäische Museen sind ihre Auftraggeber, aber auch namhafte
Privatsammler zählen zu ihrem Kundenstamm.
Hua taucht bei der Behandlung ihrer Papier-und Textil-"Patienten"
nicht nur in oft Jahrtausende zurückliegende Geschichte ein,
sondern lernt mit den Besitzern der Werke auch viele interessante
Menschen kennen. Man könnte ihren spannenden Erzählungen
stundenlang zuhören. Als sie zum Beispiel den Krimi "Röslein
Rot" auf chinesisch zugeschickt bekam - von der bekannten Autorin
Ingrid Noll selbst. Denn die Weinheimerin ist ebenfalls in China
geboren und aufgewachsen und besitzt noch asiatische Holzschnitte,
die ihr der Vater, der als Arzt bis 1949 in China tätig war
und sogar Madame Chiang Kai-Tze behandelt hat, überlassen hat.
Und die möchte sie den fachkundigen Händen der Restauratorin
anvertrauen. Oder jene Geschichte über einen Südseekönig,
der nach dem ersten Weltkrieg seine Insel und fast sein gesamtes
Hab und Gut verloren hatte und nur mit einer kleinen Bilder-Sammlung
nach Europa kam. Seine Tochter brachte eines der Bilder zur Mannheimer
Restauratorin
Heute zählt die Werkstatt von Hai-Yen-Hua zu den modernsten
und renommiertesten in Europa. Auf 1000 Quadratmetern reihen sich
an den Kopfenden langer Arbeitstische unzählige Messer, Pinsel,
Mörser, Tiegelchen und Töpfe aneinander.
Zurzeit liegt ein zwei mal zwei Meter großes japanisches
Mandala auf ihrem "Operationstisch" - datiert auf 729
nach Christus. In der Mitte der zentrale Buddha, weltliche Geschichten
umranden das riesige Meditationsbild. Im Vergleich dazu wirkt die
Asiatin recht zierlich: "Ich bin mit 1,50 Metern die kleinste
Restauratorin mit oft den größten Bildern", lacht
sie. Der bemalte Wandbehang aus Seide ist in einem bemitleidenswerten
Zustand: Der Stoff ist bereits brüchig, hat äußerst
viele Risse und Fehlstellen. An zahlreichen Stellen hat sich über
die Jahre Grünspan gebildet. "Eine große Gefahr
für jedes Kunstwerk", erklärt die Expertin. "Durch
Oxidation ist Säure entstanden, die die Seide allmählich
zerfrisst."
Am Anfang von über 20 Arbeitsschritten steht das Zustandsprotokoll.
Es gleicht detektivischer Kleinarbeit, denn mit der Bestandsaufnahme
geht auch die Rekonstruktion der Geschichte der Kunstwerke einher,
das Aufspüren von Materialschäden und falscher Handhabung.
Jeden Riss und Kniff, jede Falte und Fehlstelle hält Hai-Yen
Hua akribisch im Protokoll fest, bevor sie diese provisorisch fixiert.
"Jede Bewegung des Wandbehanges würde sonst die Seide
in tausend Teile zerbrechen."
In sorfältiger Arbeit muss das Mandala zunächst gereinigt
werden. Erst trocken, mit einem ganz feinen Radierpulver, um den
oberflächigen Schmutz behutsam zu entfernen. Danach bedarf
es eines Neutralisierungsprozesses. Dann die außergewöhnlich
sanfte Naßreinigung, mit einem speziellen Bewässerungssystem.
"Das Waschen geht nur tröpfchenweise und unter speziellem
Schutzflies für die Seide", erklärt die Restauratorin.
Erst jetzt kann die eigentliche Restaurierungsarbeit beginnen.
Um die Fehlstellen mit Seide flicken zu können, wird der große
Meditationsmandala über einen Leuchttunnel aus Plexiglas gehängt.
"So komme ich mit den Händen auch bis zur Mitte des Bildes
und kann die Löcher mit vorher eingefärbter Altseide Ton
in Ton flicken. Dazu benutzt Hai-Yen Hua ausschließlich nach
eigener Rezeptur gekochten Kleister mit Weizenstärke als Bindemittel.
"Der ist jederzeit wieder abzulösen."
Viel Geduld, Ruhe, Fingerspitzengefühl, handwerkliches Geschick
und künstlerische Begabung sind nötig, um solch eine Arbeit
zu bewerkstelligen. "Und eine Portion Erfindungsgeist",
ergänzt sie, "ich bin eine leidenschaftliche Tüftlerin."
Die zur "Behandlung" der Kunstwerke nötigen Geräte
und Werkzeuge entwickelt Hai-Yen Hua sehr oft selbst. Dazu gehören
u.a. verschiedene Trockenwände, die sie auch als Wanne umfunktionieren
kann, das Bewässerungssystem und ein Plexiglastunnel. Einige
"Erfindungen" wurden sogar publiziert: Ein Niderdrucktisch,
eine Neutralisierungsanlage sowie der Kleisterkocher.
Wenn das Mandala schließlich mit mehreren Lagen handgeschöpften
Papier kaschiert und mit einer Schutzumrandung versehen ist, wird
es auf die Trockenwand gespannt, um zu glätten und zu trocknen.
Zuletzt folgt die Retusche, für die Hua eigens wasserlösliche
Farbe aus verschiedenen Pigmenten anrührt. "Ich ergänze
aber nur die Fehlfarbe im Hintergrund", betont die Restauratorin.
Denn ein wichtiges Credo ihrer Zunft lautet, ein Kunstwerk niemals
durch eigene Ideen zu verfremden. "Ich wollte und dürfte
zum Beispiel nie ein Buddhagesicht niemals vervollständigen."
Ungefähr ein halbes Jahr dauern die Arbeiten für dieses
Mandala. Dann geht es an seinen Besitzer zurück. Hua: "Das
Schönste ist, wenn ich eine meiner restaurierten Arbeiten nach
20 Jahren zufällig wiedersehe und feststelle: Sie ist noch
immer in einem guten Zustand."
|
| Nichts ist beständiger als der Wechsel
- so könnte man auch Hai-Yen Huas Weg zu ihrem Traumberuf beschreiben.
Denn über zahlreiche Umwege gelangte die Asiatin vor fast 30
Jahren nach Europa. Nicht zuletzt der Liebe wegen. Nach dem Studium
der Kunstgeschichte in Taiwan und der Schweiz entschied sie sich nach
Amerika zu gehen, um dort am Illinois Institute of Technologie Design
zu studieren. Der Übergang von der asiatischen zur europäischen
Kunstgeschichte erwies sich als umfangreich und trocken. "Ich
musste etwas Kreatives, etwas mit den Händen machen", sagt
Hai-Yen Hua, deren Mutter schon Malerin war. Bei ihrem Studienaufenthalt
in Chicago lernte sie ihren deutschen Mann kennen - und dessen Beruf
als Chemiker im Rhein-Neckar-Dreieck führte sie schließlich
in die Quadratestadt. Doch nach ihrem Aufenthalt in den USA ging sie
zunächst noch einmal in die Schweiz zurück, um dort für
4 Jahre Farben und Zeichnen bei den weltberühmten Lehrern Kurt
Hauert und Armin Hoffmann an der heutigen Kunstakademie in Basel zu
studieren. Das hat ihr enorm viel gebracht, erzählt sie.
Nach ihrer Heirat direkt in Mannheim sesshaft werden? Das passt
nicht zu der weltoffenen, quirligen Asiatin. Sie begann wieder mit
dem Restaurieren - das hatte sie schon während ihrer Studienzeit
Taiwan gelernt. Initialzündung für diese Tätigkeit
war ein "furchtbar schlecht" restauriertes Bild, das sie
bei ihrem Vater entdeckte. Da kribbelte es ihr wieder in den Fingern,
diese Arbeit besser zu machen. Sie erinnerte sich an ihre Anfänge
im Palastmuseum in Taiwan. Bei ihrem alten Meister wurden die Kenntnisse
aufgefrischt. Anschließend bereist sie Institute und Museen
auf der ganzen Welt: In Wien, München, Japan und England vervollständigte
sie ihr Wissen. "Ich lerne leidenschaftlich gerne", erklärt
sie, "und einen Diplom-Studiengang als Papierrestauratorin
gab es damals noch nicht."
Wieder in Mannheim, arbeitete Hai-Yen Hua 10 Jahre als Grafikrestauratorin
in der Mannheimer Kunsthalle. Ihre jetzige Werkstatt zählt
heute zu den besteingerichtesten ihrer Art. Für Hai-Yen Hua
ist es eine Leidenschaft - sie kann uralte asiatische Traditionen
und Techniken mit modernen wissenschaftlichen Methoden verbinden.
Gerne würde sie ihr umfangreiches Wissen auch weitergeben und
jungen Menschen eine Chance zur Ausbildung anbieten. "Doch
leider", bedauert sie, " ist Restauratorin' kein
Lehrberuf."
|