| Wenn es darum ginge, den
Beruf von Hai-Yen Hua zu erraten, würde sicher mancher Zeitgenosse
auf Chirurgin tippen.
Die Chinesin aus Taiwan, die bereits seit zwölf Jahren in
Mannheim lebt, entspricht in ihrer kompetenten und zupackenden,
aber auch sensiblen und mitfühlenden Art diesem Berufsbild
in geradezu idealer Weise. Spräche man sie darauf an, würde
sie einer entsprechenden Vermutung vielleicht auch nicht entgegentreten.
Frau Hua sieht sich durchaus als Chirurgin. Nur sind
ihre Patienten nicht aus Fleisch und Blut. Die schlanke engagierte
Frau heilt Papier. Ich restauriere alles, was
auf Papier oder Seide gemalt und gezeichnet ist", beschreibt
sie ihre Arbeit. Viele große europäische Museen sind
ihre Auftraggeber, aber auch Privatsammler können ihre Fähigkeiten
in Anspruch nehmen. Gerne wird der ausgebildeten Kunsthistorikerin
beispielsweise die Restauration von alten Landkarten übertragen:
Bei unserem Besuch versucht sie gerade ein seltenes Stück
wieder herzurichten, das eine mittelalterliche Stadtansicht von
Überlingen zeigt und aus dem Jahre 1772 stammt. In einem Restaurierungsprotokoll
wird zu diesem Zweck erst einmal penibel genau der Zustand des Neueingangs
protokolliert. Die Landkarte ist in einer recht bemitleidenswerten
Verfassung, sie hat zahlreiche Löcher und Bruchstellen. Die
Verwendung von dicken Schichten Roggenmehl als Klebemittel sowie
die jahrhundertelange schlechte Lagerung haben dazu geführt,
dass sich auf der Karte Schimmel gebildet hat.
In sorgfältiger Arbeit muss das Bild gereinigt und entsäuert
werden. Dann muss es von der alten Leinwand abgelöst und die
Reste des Leims müssen entfernt werden. Frau Hua verwendet
als Bindemittel für den Kleber nur Weizenstärke. Der
ist jederzeit mit Wasser wieder abzulösen. Ist das geschafft,
geht es ans Flicken. Die Risse und Fehlstellen müssen
mit neuem Papier oder durch die Methode des Anfaserns ergänzt
werden. Dabei werden die Löcher durch die Fasern einer Papiermaische
verschlossen. Überall, wo sie Papierreste aus alten Bibliotheken
entdeckt, schlägt die Restauratorin zu. Ergänzt wird ihr
Papierlager durch Importe aus Japan, China, Italien, Frankreich
und England. Da es immer schwieriger wird, an die richtigen Papiersorten
zu kommen, greift Frau Hua manchmal auch zum Papier Marke Eigenherstellung.
Sind die Unebenheiten im Bildrücken ausgeglichen und ist das
Bild an der Rückseite mit mehreren Lagen Papier kaschiert worden,
dann wird es auf die chinesische Trockenwand gespannt. Dies ist
eine alte asiatische Methode. Diese Spannwand ist eine Spezialkonstruktion
mit den gewaltigen Ausmaßen von zehn Meter Länge mal
vier Meter Höhe, um auch große Objekte bearbeiten zu
können.
Schließlich kommt die Retusche des Bildes selbst. Feinste
Nuancen und Schattierungen sind zu berücksichtigen. Aus fünf
Farben stellt die Fachfrau zu diesem Zweck einige tausend Mischungen
her. Ergänzt werde die Bilder allerdings nur, wenn es unbedingt
notwendig ist. Auch wenn der Restaurator sich durchaus als Künstler
versteht, so darf er doch niemals ein Kunstwerk mit eigenen Ideen
verfremden.
Zur Heilung ihrer papierenen Patienten hat die Restauratorin
eine Reihe eigener Geräte entwickelt, die sie in ihrer großzügigen
und lichtdurchfluteten Werkstatt aufgestellt hat. Zum Reinigen der
Kunstwerke dienen Vakuum-Niederdrucktische. In einem Dampfkasten
werden die Verklebungen gelöst. Die Entsäuerung des Papiers
erfolgt in einer Lösung von Karbonaten, die in einer Spezialanlage
vor Ort hergestellt wird.
Die Gründe für die Krankheiten der Zeichnungen und Karten
sind mannigfaltig. Ganz besonders verdammenswert findet die Chinesin
die in vielen Museen geübte Praxis, Bilder mit Tesafilm festzukleben.
Das führt dazu, dass mittelfristig Weichmacher ins Papier
kommen. Auch das Kleben auf Holz oder billige Holzpappe ist
äußerst gefährlich, denn das im Holz enthaltene
Lignin führt zur Säurebildung. Dies verursacht auf Dauer
die Vergilbung des Papiers und schließlich seinen Zerfall.
Auch die Qualität des Papiers ist von großer Bedeutung.
In früheren Jahrhunderten verwendeten die Künstler ausschließlich
handgeschöpftes Papier, das aus Lumpen hergestellt wurde. Mit
der industriellen Papierherstellung im 19. Jahrhundert hielten minderwertigere
Grundsubstanzen, wie Holzschliff, Einzug in die Papierherstellung.
Die Folge ist ebenfalls eine Übersäuerung des Papiers
und damit der Kunstwerke auf Papier. Dies kann zu ihrer beschleunigten
Zerstörung führen.
Damit die Graphiken und Zeichnungen atmen können,
plädiert die Papier-Expertin dafür, die Bilder nicht auf
Holz oder Leinwand aufzuziehen, sondern sie in Passepartouts aus
säurefreiem Karton aufzubewahren.
Papier-Restauratorin ist kein geschützter Beruf. Erste Ansätze
für eine Ausbildung gibt es jetzt in Stuttgart, München
oder Köln. Hai-Yen Hua selbst hat ein umfangreiches Studium
in vielen Ländern, in Asien, Europa und Amerika hinter sich.
In den USA lernte sie auch ihren Mann kennen. Dessen Beruf brachte
sie auch schließlich nach Mannheim. Als er vor zwölf
Jahren eine Stelle im Rhein-Neckar-Dreieck antrat, zogen die beiden
in die Quadratestadt. Als Chemiker hat er viel Interesse an der
Arbeit seiner Frau und hat ihr schon manchen Tip gegeben.
Heute gehört die Werkstatt zu den modernsten und besteingerichteten
in Europa. Das besonders Reizvolle an Frau Huas Arbeit ist die Verknüpfung
von modernen wissenschaftlichen Methoden und uralten asiatischen
Traditionen. Denn schließlich stand die Wiege des Papiers
ja im Reich der Mitte, und entsprechend groß ist der Erfahrungsschatz,
den man dort mit diesem Material angesammelt hat. Neben Graphiken
und Zeichnungen, Wandbildern und Aquarellen werden Pergamente, Globen
und Tapeten restauriert.
Für Hai-Yen Hua jedenfalls ist ihre Arbeit die Erfüllung
eines Traums. Sie kann den asiatischen und den europäischen
Kulturkreis in ihrer Arbeit verbinden und sie steht bei jedem
Projekt wieder vor einer großen Herausforderung. Und
letztendlich, so betont sie, ist es ja nicht nur das
handwerkliche und künstlerische Know-how, das meinen Beruf
so interessant macht. Es ist auch der quasi persönliche
Kontakt, den man zu den Künstlern entwickelt, deren Bilder
man restauriert.
Hai-Yen Hua has been in Mannheim for over 12 years now and sees
herself as a surgeon, only her patients are not of flesh
and blood but of paper. And that is what she does: Ms Hua heals
paper. I restore everything painted or drawn on paper or silk,
she says, to describe her work. The reason why many drawings and
maps are ill are legion but particularly reprehensible
is the practise of many museums to attach drawings with adhesive
tape. Her contractors are many big European museums as well as private
collectors. Often the trained art historian carries out the restauration
of old maps, e.g. the medieval townscape of Überlingen, that
dates from the year 1772, which she is restoring at the moment.
Even if the restorator thinks of herself as an artist in her own
right, she must not change her object of work and stay true to its
spirit. Paper restorator is a liberal profession but there are some
signs of training programs in Stuttgart, Munich and Cologne. Hai-Yen
Hua herself studied extensively in many countries.
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